Meldung
Pressemitteilung: Zwischen Storch und Staatsprüfung – Geburt im ländlichen Rheinland
Wiedereröffnung des Hofes aus Hanf im LVR-Freilichtmuseum Kommern
Mechernich-Kommern.
Mit einer feierlichen Veranstaltung ist am 22. Februar 2026 im LVR-Freilichtmuseum Kommern der historische Streckhof aus Hanf (Gemeinde Hennef, Rhein-Sieg-Kreis) wiedereröffnet worden. Im Rahmen des Projekts „(H)aus alt mach neu!“ präsentiert sich das Gebäude nun mit einer neuen, übergeordneten Themenausstellung unter dem Titel „Geburt und Hebammenwesen“.
Zahlreiche Gäste nahmen im Tanzsaal aus Pingsdorf an der Eröffnung teil. Grußworte sprachen Elfi Scho-Antwerpes, stellvertretende Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, Dr. Carsten Vorwig, Leiter des LVR-Freilichtmuseums Kommern, sowie der Wissenschaftliche Referent und Kurator Jan Clevinghaus.
Die neue Ausstellung widmet sich erstmals der Geburt im ländlichen Rheinland im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht der Berufsstand der Hebamme, der in dieser Zeit tiefgreifende Wandlungsprozesse durchlief.
Während Geburten traditionell im häuslichen Umfeld und im Kreis der weiblichen Gemeinschaft stattfanden, entwickelte sich die Hebamme um 1900 zunehmend zur staatlich geprüften Fachkraft. Verbindliche Ausbildungsordnungen und Lehrbücher – etwa das Preußische Hebammenlehrbuch von 1920 – dokumentieren diese Professionalisierung.
Ein zentrales Ausstellungsobjekt ist eine Hebammentasche aus den 1920er-Jahren aus der Museumssammlung. Sie enthält einen Großteil der damals vorgeschriebenen Instrumente und Materialien und veranschaulicht die Standardisierung der Geburtshilfe. Ergänzt wird die Präsentation durch eine Wöchnerinnenschüssel von 1843 – ein traditionelles Geschenk der Taufpaten mit kräftigenden Speisen für die Mutter – sowie eine Kinderwiege aus dem Westerwald um 1900.
Neben medizinischen Entwicklungen beleuchtet die Ausstellung gesellschaftliche und kulturelle Aspekte. Thematisiert werden die Bedeutung weiblicher Solidarität im ländlichen Raum ebenso wie die hygienischen Fortschritte seit den Erkenntnissen von Ignaz Semmelweis, der im 19. Jahrhundert die Grundlagen antiseptischer Maßnahmen legte. Zugleich zeigt die Ausstellung, dass Geburt und Sexualität bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts tabuisiert blieben – symbolisiert durch die populäre Figur des „Storches Adebar“.
Die neugestalteten Räume verbinden die Hausgeschichte des Hofes mit alltagskulturellem Kontext. Die bewusst einfach gehaltene Ausstattung – orientiert an Zeitzeugenberichten und der Lebensrealität eines Arbeitermilieus ohne Elektrifizierung und fließendes Wasser – macht die Bedingungen ländlicher Geburten um 1900 anschaulich nachvollziehbar.
Mit der Wiedereröffnung des Hofes aus Hanf hat das LVR-Freilichtmuseum Kommern einen weiteren Akzent in der Präsentation rheinischer Alltagskultur gesetzt und erweitert seine Museumslandschaft um eine facettenreiche Perspektive auf Geburt, Hebammenwesen und gesellschaftlichen Wandel vor über 100 Jahren.
Medienkontakt: Daniel Manner: daniel.manner@lvr.de
Fotos:
Kleiner Markt vor dem Tanzsaal Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards (JPG, 0,87 MB)
Spekulatius im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Foto: Kerstin Gauliard/LVR (JPG, 2,30 MB)
Gebrannte Mandeln im Haus aus Kessenich. Foto: Daniel Manner/LVR (JPG, 1,96 MB)